Was zeichnet eine kindgerechte App aus – Interview mit Christina Köhl

Christina Koehl

Christina Koehl

In der Interview-Reihe erklären App-Entwickler, was eine gute Kinder-App ausmacht. Heute im Interview: Christina Köhl, Leitung Programm und Vertrieb Digitaler Content, Verlag Friedrich Oetinger GmbH

Wer seid ihr und was macht ihr?

Wir sind einer der größten Kinder- und Jugendbuchverlage Deutschlands und können auf eine lange Tradition zurückblicken. Alles angefangen hat es mit einem gelben alten VW Bus, in dem die ersten Astrid Lindgren Bücher in Deutschland ausgeliefert wurden. Seitdem ist natürlich viel passiert. Heute sind wir das Zuhause und die deutsche Heimat vieler weiterer berühmter Autoren wie beispielsweise Paul Maar, Kirsten Boie, Suzanne Collins oder Sven Nordqvist.

Heute gehören neben dem breit gefächerten Buchprogramm zudem auch die Hörbücher und Filme von Oetinger Media, die Merchandising Artikel von Oetinger Kinderträume sowie die digitalen Titelumsetzungen wie (interaktive) E-Books und Apps fest zum Portfolio des Verlags.

Seit wann entwickelt ihr Apps?

Bereits 2010 haben wir die aufwendige Produktion „Die Olchis aus Schmuddelfing“ herausgebracht. Das war die wirklich eine der ersten Kinderbuch-App Umsetzungen überhaupt und damals musste alles neu gedacht und in ein komplett anderes Medium und Format übertragen werden. Das hat großen Spaß gemacht, uns aber auch vor ziemliche Herausforderungen gestellt. In den letzten fünf Jahren ist dieser Markt dann regelrecht explodiert und hat seine eigenen Gesetze entwickelt. Allerdings ist auch weiterhin noch vieles offen und variabel.

Zum Beispiel hat sich noch kein einheitliches Format für interaktive E-Books und Apps gefunden und es sieht auch nicht danach aus, dass sich dies bald ändern würde. Um aber dennoch wirtschaftlich und effizient bei hoher Qualität arbeiten zu können, haben wir mit TigerCreate ein eigenes Animations-Tool entwickelt (www.tigercreate.de), das den Export in verschiedene Formate ermöglicht und so derzeit einzigartig einen flächendeckenden Vertrieb bei den Plattformen erlaubt, die Interaktivität derzeit unterstützen und zulassen. Wir sind tatsächlich sogar schon einen Schritt weiter als manche Plattformen und erstellen so beispielsweise eine Art „Fall-Back-Version“ für Amazon, die mit ihrem KF8 Standard leider noch keine Interaktivität bei E-Books unterstützen. So deaktivieren wir hier alle interaktiven Elemente und spielen in diesem Fall einfach eine fixed Layout Version aus. Dies aber ebenfalls ohne große weitere Zusatzaufwände bei der Titelerstellung. Im App-Bereich beliefern wir natürlich auch den Amazon App Shop, dort sind die interaktiven Buchumsetzungen auch jetzt schon möglich. Wir möchten uns allerdings eher auf die digitalen Buch-Bereiche und Verkaufsplattformen wie etwa iBooks oder den digitalen Kinderbuchladen TigerBooks (www.tigerbooks.de) fokussieren, da unsere Titel dort nicht in direkter Konkurrenz mit Spiele-Apps und anderen Anwendungen stehen. Bücher gehören unserer Meinung nach auch im Digitalen in einen Buchladen und in ein entsprechendes Umfeld, das Kindern und Eltern ein gutes, qualitativ hochwertiges Programm und eine sichere Umgebung bietet.

Wie lange dauert eine Entwicklung?

Die Entwicklungszeit ist im Vergleich mit früheren aufwendigen nativ programmierten Einzel-App-Umsetzungen glücklicherweise drastisch zurückgegangen. Je nach Projekt und je nachdem, wie konstant an einem Titel gearbeitet wird, bewegt sich die Umsetzungszeit zwischen zwei bis vier Wochen bis zu hin zu einigen Monaten. Lindbergh ist sicherlich ein Ausnahmeprojekt und hat uns noch deutlich länger beschäftigt. Ein grundlegender Unterschied ist auch, dass wir nicht mehr wie bisher mit Programmieren arbeiten, sondern dass die Bildbearbeitung und die Animationen auch von unseren Grafikern inhouse übernommen werden können. Das erleichtert die internen Abläufe natürlich ungemein und reduziert die Aufwände erheblich.

Was zeichnet eine gute kindgerechte App aus?

Diese Frage lässt sich kaum pauschal beantworten, da es so unterschiedliche Umsetzungen gibt. Grundlegend für eine gelungene Kinderbuch App oder ein interaktives E-Book ist in jedem Fall eine gute Geschichte und qualitativ hochwertige Illustrationen. Die Art der Bilder kann ebenfalls sehr unterschiedlich ausfallen. Am einfachstem zu animieren sind sicherlich großflächige, plakative Illustrationen, aber letztlich kann man eigentlich mit jeder Art von Illustration umgehen und sie entsprechend ins Digitale übertragen. Für uns ist dies eigentlich auch der Schlüssel zu einer gelungenen digitalen Titelumsetzung. Wir beschäftigen uns stets ausführlich mit der Geschichte, den Bildern und den Besonderheiten eines jeden Buches, bevor wir es umsetzen, um darauf aufbauend zu entscheiden, in welcher Art und Weise wir es umsetzen. Gibt es beispielsweise besondere, immer wiederkehrende Elemente, beinhaltet der gedruckte Titel Schuber oder Klappen, wie es beispielsweise bei vielen Pappbilderbüchern der Fall ist, oder vielleicht andere stilistische Feinheiten, die im Digitalen besonders hervorgehoben und herausgearbeitet werden können. Dies kann einerseits auf der Ebene der Animationen passieren, oder aber auch durch Sounds und Geräusche, die ebenfalls dazu beitragen, den Titel zum Leben zu erwecken.

Bei Titeln, die primär und originär für eine digitale Umsetzung entwickelt werden, haben wir natürlich noch andere Freiräume. Ganz wichtig ist vor allem der regelmäßige Austausch mit der Zielgruppe und das Testing im frühen Stadium, damit auch die Navigation und die Menüführung kindgerecht und möglichst intuitiv sind.

Muss man bei der Entwicklung für Kinder-Apps bestimmte Details berücksichtigen?

Das Feedback der kleinen Lese ist wie gesagt sehr wichtig und entscheidend, da sie natürlich letztlich mit dem Titel gut zurechtkommen müssen. Und es sollte für jeden Titel ein klares Konzept, eine klare Zielsetzung geben. Steht das Buch und die Geschichte im Vordergrund, oder vielleicht eher ein pädagogischer Ansatz zur Wissensvermittlung, wie bei unseren edukativen Apps zum Lesen lernen.

Was ist das Besondere an der neuen App „Lindbergh. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“?

Die Illustrationen und die Geschichte sind wirklich einzigartig und wir haben versucht, mit der digitalen Umsetzung die besondere Stimmung dieses Buches weiter zu fördern und zu unterstützen. Daher haben wir alle Animationen sehr atmosphärisch, fast filmisch angelegt. Dennoch gibt es aber auch auf jeder Seite Elemente, die nur durch Interaktion ausgelöst werden können, so dass der Leser an dieser Stelle selbst aktiv werden kann. Allerdings bleibt es jedem selbst überlassen, ob er diese zusätzlichen Angebote wahrnehmen oder einfach nur die Geschichte selbst erleben und lesen möchte. Dort, wo Animationen stattfinden, sollen sie aber eine Verlängerung der Phantasie sein und die Bilder und Geschichte genau dort weiterspinnen, wo der Leser dies ohnehin vermutet und erwartet. Beispielsweise haben wir bei einigen Bildabfolgen einen spielerischen Ansatz gewählt und diese so in die Erzählung eingebettet. Es gibt eine Szene, in die wir viele kleine Einzelbilder aus dem Buch montiert haben, die die Reise der kleinen Maus nach Amerika in Etappen und verschiedenen Stationen zeigen. Die Maus taucht auch auf jedem Bild auf, allerdings erst nach Auslösen durch den Leser. Oder die Dampflok erwacht zum Leben. Diese Szene gefällt mir besonders gut, weil es ein so beeindruckendes Spektakel ist. Auch der Autor selbst war davon ganz angetan und begeistert, als er zum ersten Mal gesehen hat, wie sich die Räder alle in Bewegung setzen. Genauso, wie er sich das in seiner Phantasie beim Zeichnen ausgemalt hatte.

Was ist als nächstes geplant?

Wir arbeiten bereits an der Umsetzung des zweiten Buchs von Torben Kuhlmann „Maulwurfstadt“. Hier befinden wir uns gerade noch in der Konzeptionsphase, überlegen gemeinsam mit dem Autor, wie wir den Titel am besten ins Digitale transformieren, und der Ansatz wird sich sicher auch von der Umsetzung von „Lindbergh“ unterscheiden. Wir sind selbst sehr gespannt auf das Endresultat und freuen uns auf die Arbeit an dem Titel!

Zudem sind natürlich eine Vielzahl weiterer interaktiver Buchumsetzungen geplant. Wir veröffentlichen derzeit zwischen 2 bis 4 interaktive Titel pro Monat, haben also auch für die nächste Zeit noch einige Überraschungen geplant.

Foto: Friedrich Oetinger Verlag

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Veröffentlicht von

www.appatizer.de/uber

Sven ist seit 1998 im Internet unterwegs, Vater von Zwillingsjungs, schwärmt für Bücher bei seinem ersten Projekt und hier, skandinavisches Design, guten Espresso und ist auch in der Welt der Apps unterwegs.In seinen Workshops berät er Eltern und Lehrer im Umgang mit Tablets und Apps. Er ist Mitorganisator der #denkst-Konferenz in Nürnberg.

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